Erwin Eisch und sein revolutionäres Glas

 Als Harvey K. Littleton, der amerikanische Künstler, Keramiker und Industrial Designer, 1957 daranging, die Universität Wisconsin um eine Fakultät für Glaskunst zu erweitern, entdeckte er während einer Reise durch Bayern die Arbeiten von Erwin Eisch. Er war so beeindruckt, dass er Eisch dazu bewog, für sechs Wochen nach Amerika zu kommen, um beim Aufbau der neuen Glasabteilung zu helfen. Als ich Littleton 1966 während seiner Vorlesungen in England traf, erzählte er mir von Eisch, und ich nahm mir vor, diesen noch im Sommer auf dem Rückweg aus der Tschechoslowakei in der Glashütte seiner Familie in Frauenau zu besuchen.

In Eisch verbinden sich das Können eines Designers mit dem des „expressionistischen" Künstlers. Während die Arbeiten der Schüler Littletons eher den Eindruck aufkommen lassen, dass der Zufall keine unwesentliche Rolle spielt - im rechten Moment abzubrechen ist wichtiger als zu wissen, wie man überhaupt anfängt - , lässt Eisch den Betrachter keinen Augenblick lang im Zweifel darüber, dass alles, was er macht, beabsichtigt ist.

Dennoch scheint mir von Galle, Marinot und Jean Sala bis zu den grossen Designern von heute die Verwendung von Glas hauptsächlich in der Dekoration des Gebrauchsglases zu liegen. Das mag an der logischen Verbindung der geblasenen Form und ihrer Funktion als Gefäss liegen, scheint aber gerade deswegen auch die Bearbeitung dieses Materials in rein künstlerischer Absicht nicht zu gestatten.

Eisch nützt diese Situation aus, indem er sie anerkennt und auf den Kopf stellt. In seinem Werk wird Funktion angedeutet, aber gleichzeitig ad absurdum geführt. Vielleicht ist das der angemessene Kommentar für eine Gesellschaft, die in ihrem Kampf um wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt den ästhetischen Werten nur Lippenbekenntnisse ausspricht.

Eisch geht davon aus, dass „Kunst eine kritische Widerspiegelung der Gesellschaft" sein soll, nicht ein Gebrauchsartikel, der gekauft werden kann als ein Mittel verständnisloser Integration. Eisch ignoriert - ja bekämpft - die Gefälligkeit seines Materials und unterwirft es einer Bestimmung, die mit all den früher anerkannten Vorstellungen über die Verwendung von Glas für Zierzwecke kaum noch etwas zu tun hat.

Er setzt sich über die Durchsichtigkeit seines Materials be-wusst hinweg und kommt dabei zu Gebilden, die entweder völlig undurchsichtig oder zwar noch durchscheinend, aber trüb sind. Auf diese Weise sucht er dem flüchtigen Charakter der herkömmlichen Glasgefässe zu entgehen und seinen Formen überzeugendere Plastizität zu verleihen. Diese Formen sind streng persönlich, wie es von einem „Expressionisten" nicht anders zu erwarten ist. Sie sind weder eindeutig gegenständlich noch vollkommen abstrakt. Sie vereinen die herkömmliche Besonderheit des Glasblasens mit Zügen organischen Lebens. Manche halten sie für geradezu abstossend - aber das Hesse sich z. B. auch über einen Grossteil der Werke Picassos sagen. In seinem Bemühen, das Material Glas zu einem künstlerischen Mittel zu machen, ignoriert Eisch die intellektuelle Anziehung, die das genau geformte Ziergefäss ausübt, und entzieht sich dem Reiz des Zufälligen, der vieles, was auf diesem Sektor in Amerika gemacht wird, bestimmt. In den letzten Jahren wurde der Wert der Verzierung von Gebrauchsgefässen, sei es durch Gravieren oder komplizierte Farbtechniken, ziemlich in Frage gestellt. Die skandinavischen Designer hatten die Verwendung der reinen Form, der Feinheit der Farbe und die gelegentliche Anbringung von ein paar fein geschliffenen Facetten bis zur Vollkommenheit geführt. Auf diese Weise bereiteten sie den Boden für den Industrial Designer, der seine Entwürfe auf dem Reissbrett macht und keine persönliche Erfahrung im Umgang mit dem Material braucht. Heute aber bestehen Anzeichen für eine Rückkehr zum Ornament mit Hilfe vorgeformter Modelle und intensiverer Farbgebung.

Vor diesem Hintergrund stellt die Verwendung von Glas für rein ästhetische Zwecke eine ermutigende und natürliche Entwicklung dar. Man hat allen Grund zur Annahme, dass die Studioarbeit einen Aufschwung erfahren und einerseits die Strenge des Industrial Design mildern und andererseits die Hersteller von mundgeblasenem Glas zu weiterer Arbeit anregen wird.

Erwin Eisch, der in beiden Lagern zu Hause ist, ist der Meinung, dass das Ornament einem allgemeinen Bedürfnis entspricht, und hält für unangemessen, dass die Bauhaus-Schule eine Bewegung eingeleitet hat, die zum ersten Mal in der Geschichte das Prinzip vertrat, Glas dürfe nicht verziert werden. Er ist der Ansicht, dass Arbeitsweisen, wie Glasmalerei und Gravüre, vernachlässigt worden sind und dass nur Künstler, die Glas selbst blasen können, darin Wesentliches leisten können. Als Industrial Designer versucht er, den Geschmack der Käufer eher zu bilden, als ihm nachzugeben, und seine letzten Entwürfe für Gebrauchsglas lassen eine Tendenz zum Experiment mit neuen Arten des Dekors erkennen. Von den intellektuellen Anforderungen, die die modernen Methoden der Massenfertigung stellen, ist Eisch nicht besonders begeistert; er glaubt, dass das Ende der Epoche der strengen Form abzusehen ist. Aus diesem Grund hat sich die Glashütte in Frauenau trotz des vorherrschenden Trends zur Mechanisierung für die handwerkliche Produktion entschieden.

Das ist eine mutige Haltung, die den in aller Welt herrschenden Richtungen die Stirn zu bieten scheint. Gewiss aber ist, dass Künstler wie Erwin Eisch und Harvey Littleton der Industrie und den Käufern einen grossen, wenn auch indirekten Gefallen damit tun, dass sie die Aufgeschlossenheit für die vielfältigen Möglichkeiten eines faszinierenden Materials - des Glases - fördern.

John Lucas Glasgow

Erwin Eisch

Erwin Eisch Die Achtsame Erwin Eisch Buddha Erwin Eisch Stange und Herz Erwin Eisch Die Einsicht